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Macht weniger Arithmetik erfolgreicher in Mathe? (Teil 2)

Frank D. Boyn­ton, der Vor­sit­zende der Schul­räte in New York, bat seine Kol­le­gen vor vie­len Jah­ren um die Lösung eines drän­gen­den Problems:

Was kön­nen wir aus den Lehr­plä­nen der Schu­len strei­chen, damit sie nicht wei­ter über­frach­tet werden?

Einer der Emp­fän­ger war Louis P. Bene­zet, der mit die­sem Vor­schlag antwortete:

Wir soll­ten auf Inhalte ver­zich­ten, die die Kin­der spä­ter viel schnel­ler ler­nen. Dazu zähle ich die for­male Arith­me­tik.

Vor län­ge­rer Zeit über­setzte ich den ers­ten Teil eines mehr­jäh­ri­gen Ver­su­ches, in denen auf die for­male Arith­me­tik in den frü­hen Jahr­gän­gen gänz­lich ver­zich­tet wurde (siehe: Macht weni­ger Arith­me­tik erfolg­rei­cher in Mathe? (Teil 1)). Heute end­lich ver­öf­fent­li­che ich den zwei­ten Teil des 3-teiligen Dokuments.

Der Lehr­plan Mathe­ma­tik (New Hamp­shire, USA)

Der von Luois Bene­zet ent­wi­ckelte Lehr­plan, der an meh­re­ren Schu­len umge­setzt wurde, ent­stand aus der Not­wen­dig­keit her­aus, einen Kom­pro­miss mit der Schul­be­hörde ein­ge­hen zu müs­sen. Gerne hätte Bene­zet auch wei­ter­hin auf die for­male Arith­me­tik vom 1. bis zum 7. Schul­jahr ver­zich­tet, hatte er doch zu die­sem Zeit­punkt bereits nach­ge­wie­sen, dass es kei­ner­lei Unter­schiede im arith­me­ti­schen Kön­nen zwi­schen den „Ver­suchs­klas­sen” und den „nor­mal” unter­rich­te­ten Klas­sen gab. Aber die „Vor­ur­teile der gebil­de­ten Bür­ger” [1], wie er schrieb, gegen­über dem Ver­zicht auf for­ma­ler Arith­me­tik in den frü­hen Klas­sen waren (und sind) zu tief ver­an­kert, wes­halb der Lehr­plan not­wen­dig wurde.

Wei­ter­le­sen…



Erfahrungen mit „Kann das stimmen?”

Vor eini­gen Wochen schrieb ich im Arti­kel „Kann das stim­men?” davon, dass ich mit Hilfe von Fermi-Aufgaben, die Kin­der in mei­ner Klasse für Mathe-Vorträge begeis­tern wollte. Mehr als zwei Monate sind jetzt ver­gan­gen und ich muss sagen, dass ich sehr froh dar­über bin, wie gut die Fermi-Fragen ange­nom­men wer­den. Mitt­ler­weile wur­den schon sehr viele Vor­träge gehal­ten. In der Zwi­schen­zeit hat es sich eta­bliert, dass die vor­tra­gen­den Kin­der nicht nur ihren Lösungs­weg prä­sen­tie­ren, son­dern ihre Mit­schü­ler ein­be­zie­hen. Es wird die Frage vor­ge­le­sen und die Mit­schü­ler sind auf­ge­for­dert, zunächst eigene Lösungs­wege aus­zu­pro­bie­ren und zu fin­den. Beson­ders froh bin ich dar­über, dass sich auch schwä­chere Schü­ler aus­dau­ernd mit den Auf­ga­ben beschäf­ti­gen. Sicher­lich brau­chen sie manch­mal den einen oder ande­ren Tipp mehr, wenn sie fra­gen kom­men, als die star­ken Kin­der. Aber das tut der Sache kei­nen Abbruch.

Fermi-Aufgaben machen den Kin­dern den Unter­schied zwi­schen Mathe­ma­tik und Rech­nen klar. Land­läu­fig wird aber lei­der das Eine mit dem Ande­ren gleich­ge­setzt. Ich sage gerne sinngemäß:

„Immer nur mit Zah­len zu rech­nen - das ist keine Mathe­ma­tik. Das kann doch jeder Taschen­rech­ner bes­ser und schnel­ler als wir. Mathe­ma­tik ist, wenn du mit dei­nem Köpf­chen, Pro­bleme lösen musst, bei denen (auch) Zah­len vor­kom­men können.”

Ein Bei­spiel aus einem gest­ri­gen Vor­trag und einer eher ein­fa­che­ren Frage. Sie lau­tete: ‚Kann das stim­men, dass für dich schon mehr als 100.000 Mahl­zei­ten gekocht wur­den?’ Hier muss­ten nun meh­rere Dinge berück­sich­tigt wer­den: Wie alt bin ich? Was zählt zu gekoch­ten Mahl­zei­ten? Wie viele gekochte Mahl­zei­ten esse ich wohl unge­fähr in einer Woche oder Monat? In einem Jahr? Mit wie vie­len Jah­ren bekommt man eigent­lich die erste gekochte Mahl­zeit? Wie viele Tage hat noch mal ein Jahr? Muss ich das Schalt­jahr bei mei­nen Berech­nun­gen berück­sich­ti­gen? All diese Fra­gen und viel­leicht auch noch ein paar mehr begeg­ne­ten den Kin­dern von ganz allein auf dem Weg zur Lösung. Einige wur­den in der Klasse dis­ku­tiert. Dabei muss­ten die Kin­der Ent­schei­dun­gen tref­fen, abschät­zen und mehr, bevor sie die Lösung berech­nen konn­ten. Das nenne ich Mathe­ma­tik.

Ich finde es sehr bedau­erns­wert, dass Mathe­ma­tik allzu häu­fig zu einem Trai­ning von arith­me­ti­schen Fer­tig­kei­ten ver­kommt. Immer wie­der muss ich dann an Bene­zet den­ken, der sagte:

„Seit ein paar Jah­ren fällt mir näm­lich auf, dass die frühe Ein­füh­rung von Arith­me­tik dazu führt, dass das logi­sche Den­ken von Kin­dern abstumpft und wie mit Cholo­ro­form betäubt wird. Der ganze Drill führt dazu, dass die Kin­der das Fach­ge­biet der Arith­me­tik von ihrem gesun­den Men­schen­ver­stand abtren­nen. Die Rechen­tech­ni­ken, die man den Kin­dern ver­mit­telt, kön­nen sie zwar durch­füh­ren, aber es gelingt ihnen damit kaum, reale Pro­bleme mathe­ma­tisch zu lösen!” (Quelle: Macht weni­ger Arith­me­tik…)

Muss man sich dann noch wun­dern, wenn Mathe­ma­tik bei vie­len Schü­lern zu DEM Hass-Fach in der Schule wird?


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