Die Rechtschreibung ist für viele Eltern das Maß aller Dinge. Nur allzu oft werden gute Rechtschreibleistungen mit hoher Intelligenz gleich gesetzt, schwache Leistungen mit niedrigem IQ. Eine gute Rechtschreibung ist wichtig. Weshalb aber viele Menschen die Rechtschreibleistungen so überbewerten, kann ich mir nur damit erklären, dass sie ganz einfach überprüfbar ist.
Viele Lehrer beklagen sich darüber, dass die Rechtschreibleistungen in Diktaten und Aufsätzen weit auseinander klaffen. So haben Kinder, die gute Diktate schreiben, in Aufsätzen oft viel mehr Fehler, als die Leistungen in den Diktaten vermuten lassen. Dies stellt natürlich den Sinn von Diktaten als Abbild der Rechtschreibleistungen eines Schülers in Frage. Denn ohne Zweifel geben die Leistungen in frei verfassten Aufsätzen ein viel besseres Bild von den „echten” Rechtschreibleistungen wider. Hier zeigt sich, ob isoliert gelernte Regeln tatsächlichverinnerlicht worden sind, dass sie automatisch während des Schreibens angewendet werden. Offensichtlich herrscht aber eine große Lücke zwischen dem Rechtschreibunterricht, der sich einzelnen Phänomen widmet, und dem „praktischen Schreiballtag” der Kinder. In allerletzter Konsequenz müsste man sich über die Bedeutung des klassischen Rechtschreibunterrichts Gedanken machen, was hier aber nicht geleistet werden soll.
Die deutsche Schrift ist im Vergleich zu anderen europäischen nicht sehr leicht zu erlernen. Sie ist zwar in sehr vielen Fällenlautgetreu, enthält aber auch viele Ausnahmen. Nichtsdestotrotz gibt es vier goldene Regeln, die, wenn sie in Fleisch und Blut übergangen sind, die Rechtschreibfehler in Texten erheblich reduzieren.
- Genau hinhören! Schreibe lautgetreu und in Silben!
- Prüfe das Wort, ob es ein Nomen ist! (Kann man „ein/eine” oder „viel/viele” davor setzen? (Einzahl-Mehrzahl-Probe))
- Verlängere das Wort! (Bsp.: „Wald” mit d, weil es die „Wälder” sind)
- Woher stammt das Wort ab? (Bsp.: „Äste” mit Ä, weil es von Ast kommt)
Anmerkung zu Punkt 2: Meistens erfährt man, dass man vor ein Nomen „der, die oder das” stellen kann. Das ist grundsätzlich natürlich richtig. Wer allerdings Wörter nur mit „der-die-das” überprüft, läuft Gefahr, dass er auch alle Verben groß schreibt. Denn man kann auch sagen „das Gehen”, „das Springen”, „das Schlafen”. Diese sog. substantivierten Verben erfasst man nicht mit der Einzahl-Mehrzahl-Probe . „Ein Schlafen”, „Ein Springen”, „viel Schlafen” ergibt im Hinblick darauf, ob es sich um eine Ein- oder Mehrzahl handelt, keinen Sinn mehr.
Im Unterricht und auch bei der Korrektur von Fehlern im Elternhaus wäre es aus der Sicht der Hirnforschung besser, wenn den Kindern, diese Regeln nicht einfach vorgesetzt werden, sondern sie sie selbst entdecken. Dies kann beispielsweise so geschehen, dass gesammelte Fehler aus Punkt 2, 3und 4, auf einmal präsentiert werden, zum Beispiel alle Fehler zu Punkt 3:
Walt, etc. (mir fallen gerade keine Wörter ein
Aufgabe wäre dann, herauszufinden, was alle Wörter gemeinsam haben und eine Regel zu finden, wie man diese Wörter am Ende schreibt. Dazu könnte man als Hilfe beispielsweise auf die andere Tafelseite auch die Wörter in Ein- und Mehrzahl vorgeben, also Wald - Wälder etc. Wenn man es schafft, dass das Gehirn die Regel zur richtigen Schreibung selbst entdeckt, erreicht mandamit, dass das gewonnene Wissen dauerhaft verinnerlicht wird. Denn das Gehirn ist eine „Regelextraktionsmaschine”, wie der Hirnforscher Manfred Spitzer in seinem Buch „Lernen” schreibt.
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