Fragen Sie zehn Lehrerinnen, was sie unter „offenem Unterricht” verstehen und wie er bei ihnen aussieht, und sie erhalten 20 verschiedene Antworten. „Mit Offenheit des Unterrichts ist nicht eine bestimmte Methode gemeint, sondern vielmehr die Sichtweise welche der Lehrende von Schule und Unterricht hat. Weiters ist auch das LehrerInnen und SchülerInnen Verhältnis anders als in anderen Unterrichtsformen.” (Was leistet offener Unterricht? von Eiko Jürgens). Der gemeinsame Ansatz von offenem Unterricht ist also seine Schülerorientierung. Ein Stufenmodell nach dem Grad der Offenheit hilft, sich dem Begriff „offener Unterricht” zu nähern.
Wir, meine Kollegin und ich, unterscheiden im Hinblick auf die Organisation, die Methodik und die Lerninhalte vier verschiedene Stufen, die folgendermaßen angedeutet werden:
Stufe 0: keine Öffnung des Unterrichts (überwiegend lehrergesteuerter und / oder materialzentrierter Unterricht)
Stufe 1: erste Öffnung des Unterrichts (eingeschränkte Auswahl möglich - z.B. Lernen an Stationen, Tages- und Wochenplan, Pflicht- und Wahlaufgaben, überwiegend arbeitsgleiche Aufgaben)
Stufe 2: geöffneter Unterricht (nur noch [mittel- und langfristig] einzuhaltende Rahmenvorgaben, weitgehende Freiheit der Lernwege und Methoden, geöffnete Aufgaben, differenzierter Unterricht)
Stufe 3: offener Unterricht (Eigenproduktionen, interessegeleitetes und eigenverantwortliches Lernen, Förderung durch Eigenförderung, individualisierter Unterricht)
Einzelne Aspekte in diesem Modell sind übergreifend. So kann beispielsweise eine Differenzierung teilweise auch auf der ersten Stufe praktiziert werden. In der Summe aber - und darum geht es - beschreibt die Stufe 2 bereits einen anderen Unterricht als die erste Stufe.
Die Idee zu einem Stufenmodell bzw. Bestimmungsraster von offenem Unterricht beruht auf Falko Peschel. Er spricht in seinem Modell von sechs Stufen. Mir persönlich fällt es aber schwer, diese Stufen wirklich trennscharf voneinander zu unterscheiden. Das oben genannte 4-stufige Modell erscheint mir eingängiger. Außerdem stößt es viele Kolleginnen nicht vor den Kopf, da die Stufe 1 oben der Stufe 0 bei Peschel entspricht. Betrachtet man die Veränderungen, die der Unterricht in den letzten Jahren in der Grundschule vollzogen hat, halte ich es für sinnvoll, dafür eine andere als die Stufe 0 zu wählen. Stufe 0 weckt bei mir die Assoziation an einen Unterricht, wie ich ihn aus der Feuerzangenbowle her kenne.
Zur Unterscheidung von Differenzierung und Individualisierung siehe Vortrag zum Unterricht.
