Wenn ich nur darf, wenn ich soll, aber nie kann, wenn ich will,
dann mag ich auch nicht, wenn ich muss.Wenn ich aber darf, wenn ich will, dann mag ich auch, wenn ich soll,
und dann kann ich auch, wenn ich muss.Denn die, die können sollen, müssen auch wollen dürfen.
(Autor unbekannt)
Meine Schule
Ich bin derzeit Klassenlehrer eines zweiten mittlerweile dritten vierten Jahrganges mit 21 Kindern in Rheinland-Pfalz. Die Schule, in der ich arbeite, ist eine „ganz normale staatliche Grundschule” zwischen Trier und Koblenz. Es gibt 8 Klassen mit ca. 170 Kindern. Die von den LehrerInnen praktizierten Unterrichtsstile reichen von eng bis offen geführt.
Bausteine meines Unterrichts
Meinen Unterrichtsstil ordne ich mittlerweile in den Bereich des „offenen Unterrichts” ein, der von einzelnen Techniken der Freinet-Pädagogik gestützt wird (Freie Arbeit, Klassenbücherei, Klassenrat, Klassenzeitung, „Schuldruckerei” bzw. Einsatz des Computers (nach Barbara Kochan, TU Berlin), regelmäßige Arbeits- und Ergebnisreflexionen, Lerntagebuch, freies Schreiben etc.). Offen in meinem Unterricht meint, dass die Kinder zu einem hohen Grad selbstständig und eigenverantwortlich arbeiten. Die Kinder erhalten von mir nur vergleichsweise wenige für alle gleichermaßen zu erledigende Aufgaben. Wenn, dann versuche ich hier natürlich zu differenzieren (siehe beispielsweise Hausaufgaben). Die Unterrichtsthemen suchen sich die Kinder meist selbst. Zentrales Steuerungselement für das Lernen ist bei mir der Stuhlkreis. Er ist vor allem der Ort der Arbeitsplanung, Reflexion des eigenen Arbeitsverhaltens und der der Mitschüler, erreichter Arbeitsziele bzw. Arbeitsschritte, der eigenen Stärken und Schwächen etc. Hier erhalten die Kinder von ihren Mitschülern neue Impulse für ihr eigenes Lernen. Präsentiert werden am Anfang und/oder Ende eines Schultages Hausaufgaben, Arbeitsergebnisse eines Schultages u.v.a.m. Besondere Ergebnisse eines Kindes werden mittlerweile ohne meinen Einfluss regelmäßig mit einem Applaus von den Mitschülern (und mir) gewürdigt. Der Kreis wird aber auch für den regelmäßigen „Klassenrat” bei aufgetretenen Streitigkeiten oder anderen angefallenen Dingen genutzt.
Besonders beliebt sind kleine Referate, um Ergebnisse zu präsentieren. Dabei stellen die Kinder meist zu zweit in einem mehrminütigen teilweise halbstündigen Vortrag (in Klasse 2!) ein in den letzten Tagen/Wochen erarbeitetes vom eigenen Interesse gesteuertes Thema vor, zum Beispiel die erste Mondlandung, Raubtier Katze, Blut, Mittelalter, Reptilien, die Zeit, Fledermäuse etc. Die Themen-Liste ist mittlerweile sehr sehr lang! Ihren Vortrag unterstützen die Kinder mit Fotos, die auf ein Whiteboard projiziert werden, und oft auch mit Hilfe von anderen Veranschaulichungsmitteln.
Die hohe Selbstständigkeit der Kinder erlaubt es mir nahezu täglich, dass ich mich einzelnen Kindern intensiv widmen kann. Meist sitze ich mit 3-4 Kindern im kleinen Kreis, wo wir einzelne Schwächen gezielt bearbeiten, Stärken ausbauen oder auch ich bisweilen neue Impulse setze, die dann an die anderen Mitschüler weitergetragen und erklärt werden (in letzter Zeit zum Beispiel Achsen- und Punktspiegelungen oder das Überarbeiten von selbst geschriebenen Geschichten, in der Unterrichtsmethodik als „Schreibkonferenz” bekannt).
Wie kam es zu diesem Unterricht?
Nach dem Referendariat, das auf die altbekannten Methoden der überwiegend lehrerzentrierten Stoff„vermittlung” setzte, war ich ab 2006 zwei Jahre lang Klassenlehrer einer dritten/vierten Klasse. Unter dem Einfluss des Referendariats gestaltete ich diesen Unterricht auch sehr lehrerzentriert. Als ich dann Klassenlehrer einer ersten Klasse wurde, sah ich mich mit Problemen kontrontiert, die mit einem lehrerzentrierten und gleichschrittigen Unterricht, in meinen Augen einfach nicht mehr zu bewältigen waren. Die Leistungsunterschiede waren gewaltig! So fuhr ich regelmäßig sehr unzufrieden nach Hause, weil ich trotz der Differenzierung von oben nicht alle Kinder auf ihrem individuellen Lernniveau erreichen konnte. Aber es konnte ja doch nicht sein, dass ich der Erste gewesen wäre, der mit dieser Heterogenität zu kämpfen hatte. Ich machte mich auf die Suche nach Modellen für individualisiertes Lernen, die im Referendariat aber leider keinerlei Bedeutung hatten. Traurig, aber wahr! Dabei stieß ich unter anderem auf die mehrfach ausgezeichnete staatliche Grundschule Harmonie in Eitorf, Namen wie Falko Peschel, die Schweizer Mathematiker Gallin und Ruf, die Schulleiterin des Elsa-Brändström-Gymnasiums Oberhausen Erika Risse und viele andere mehr. Sie alle trieb lange vor mir dieselbe Frage um: Wie kann man allen Kindern gerecht werden, so dass jedes Kind motiviert lernt? Sie hatten bereits Antworten auf diese Frage gefunden. Das erleichterte mir die Arbeit, so dass ich nur noch von ihnen lernen musste, um dann ihre Lösungen auf meinen Unterricht mit den Kindern der Klasse 1 zu übertragen und an die Gruppe anzupassen.
Während meines Studiums an der Freien Universität in Berlin zum Grundschullehrer kam ich in meinem Hauptfach Biologie frühzeitig mit der Lernforschung in Berührung. Schon damals wurde meinen Kommillitonen und mir klar, dass Erkenntnisse der Lern- und Gehirnforschung im praktischen Schulalltag nahezu keine Rolle spielten. Gleichzeitig hatte ich das große Glück in den Erziehungswissenschaften auf einen Professor zu stoßen, der sich leidenschaftlich der Geschichte der Pädagogik widmete. Von ihm lernte ich nicht nur namhafte Pädagogen kennen, sondern auch und vor allem, was es heißt, sich mit Begeisterung einem Thema hinzugeben. Vieles von dem, was ich bei Prof. Hansjörg Neubert und in Biologie gelernt hatte, wurde Jahre später plötzlich sehr bedeutungsvoll für meinen Unterricht. Vielmehr sogar öffnete mir das vorhandene Wissen neue Türen, da ich mich jetzt wieder intensiver mit der Lern- und Gehirnforschung befasste. Denn seit dem Ende meines Studiums sind mehrere Jahre vergangen, in denen sehr viele neue Erkenntnisse gewonnen wurden, die für das Lernen relevant sind.
Schritte der Öffnung
Aus all diesen Einflüssen, die im Laufe des ersten Halbjahres in Klasse 1 auf mich einwirkten, formte ich langsam über Wochen und Monate die Arbeitsweise für ein verändertes und individualisiertes Lernen in meiner Klasse. Es begann damit, dass ich zunächst die Hausaufgaben öffnete. Ich führte ausgehend von gleichen Tages- und Wochenplänen differenzierte Wochenpläne mit verschiedenen Schwierigkeitsstufen ein usw. Die Eltern waren mit diesen vorgegebenen Aufgaben natürlich glücklich, denn sie gaben ihnen Orientierung. Ich allerdings musste feststellen, dass all diese Methoden, viele Kinder immer noch unter- oder überfordert haben. Während der Zeit mit den Wochenplänen in Klasse 1 stellte ich mit Freude fest, wie selbstständig die Kinder zu arbeiten gelernt hatten. Wenn die Kinder so selbstständig arbeiten, warum also nicht einen weiteren Schritt wagen, der den Kindern noch mehr individualisiertes Lernen ermöglicht? Die Erfahrungen von anderen Schulen bestärkten mich zu diesem Schritt.
Mir wurde bewusst, dass dieser Schritt radikal gegen das verstoßen würde, was Eltern von Schule gewohnt sind und was sie erwarten. Ein Lehrer, der nicht mehr ausschließlich dazu da ist, Stoff zu vermitteln, ein Lehrer, der es wagt, ohne Schulbücher zu unterrichten, ein Lehrer, der… all das widerspricht sämtlichen Erfahrungen, die Eltern mit Schule gemacht haben.
Ein Elternabend musste her! Die Unterstützung der Eltern für den Unterricht war mir wichtig.
Auf diesem Elternabend stellte ich die Veränderungen vor, die ich in der Klasse seit ein paar Wochen und Monaten nach und nach vornahm. Ich stellte Auszüge aus der Schulordnung vor, die den Eltern bewusst machen sollte, dass ein derartig veränderter Unterricht mit den rechtlichen Vorgaben 100%ig konform geht (Schulgesetz, Grundschulordnung). Ich machte den Eltern klar, dass ein solcher Unterricht keine fixe Idee eines Einzelnen, sondern in anderen Schulen in Deutschland gelebte Realität ist und individualisiertes Lernen auch vom Landeselternbeirat in Rheinland-Pfalz in letzter Zeit immer wieder eingefordert wird. Sehr entlastend und ermutigend war natürlich auch das Glück, eine Schulleiterin zu haben, die voll hinter dem individualisierten Lernen steht und selbst damit positive Erfahrungen gemacht hat, als sie noch Klassenlehrerin war.
… (Fortsetzung folgt)

19. Juni 2010 um 10:44 Uhr
Zum Glück bist du nicht der einzige, der „offen” arbeitet und ich hoffe sehr, dass es noch mehr werden!! Was du schreibst, klingt doch sehr ermutigend, sich auch daran zu wagen, zum Wohl der Kinder und der eigenen Entlastung. …und deine Schulleiterin ist ne echte Perle!
19. Juni 2010 um 11:31 Uhr
Bin ja so froh, von dir abgucken zu können
Ich glaube, ich wage jetzt auch den nächsten Schritt mit der ersten Klasse!
29. Juni 2010 um 16:10 Uhr
Ich hoffe Sie machen (zum Wohl unserer Kinder) so weiter und lassen sich von einzelnen Eltern nicht abbringen.
14. Juli 2011 um 20:35 Uhr
Ich bin erfreut, dass ich in deinen Schilderungen genau unseren Unterricht an unserer Schule wiedergespiegelt bekomme. Wir arbeiten jahrgangagemischt in Lerngruppen von Klasse 1-4 und legen sehr viel Wert auf die intrinsiche Motivation der Kinder. Eigene Präsentationen und Ausstellungen, kleine szenische Darbietungen im Unterricht und das eigene Planen im Morgenkreis„ das Auswählen von Aufgaben und Materialien und das Verabreden zum gemeinsamen Lernen, stehen neben dem Methodentraining ganz oben auf unserem täglichen Plan.
4. März 2012 um 10:57 Uhr
Hallo Marek,
ich bin erst gestern auf deine Seite gestoßen und freue mich riesig. Interessiere mich für das Konzept des Offenen Unterrichts und suche nach Beispielen, wie man es auch in einer „ganz normalen” Schule anwenden kann. Ich habe mich viel mit Peschels Konzept beschäftigt und werde versuchen, demnächst dort auch einmal zu hospitieren. Deine Beschreibungen machen mir aber schon mal Mut, dass es auch an einer Regelschule klappen kann.
Doch eine Frage beschäftigt mich schon die ganze Zeit. Peschel hat in seiner Klasse ja eine ganz radikale Öffnung vorgenommen - was hält dich davon ab, den Unterricht (bei Peschel ist es ja eher Nicht-Unterricht) bei dir komplett zu öffnen??
Ist das Konzept nach Peschel doch nicht so umsetzbar?
Vielen Dank für deine tollen Berichte
Viele Grüße,
jackie
4. März 2012 um 23:49 Uhr
Hallo Jackie,
ich habe die radikale Öffnung nicht durchgeführt, weil einige Eltern bereits mit der praktizierten Öffnung ihre Probleme hatten. Auch wenn es mir wichtig war zum Ende von Klasse 1, dass alle(!) Eltern an den Elternabenden zugestimmt hatten, dass ich im 2. Schuljahr die Offenheit vorantreibe, gab es doch immer noch viele Bedenken, Sorgen und Ängste. Wie du ja an anderer Stelle gelesen hast, habe ich zu Beginn des ersten Schuljahres noch „ganz normal” Unterricht gemacht, alle im Gleichschritt mit teilweise unterschiedlichen Aufgaben.
Auf der anderen Seite gab es aber auch die Eltern, die diesen individualisierten Unterricht aus den verschiedensten Gründen sehr unterstützten. Du wirst immer solche und solche Eltern haben und die schweigende Masse. Unabhängig davon, habe ich im zweiten Schuljahr inhaltlich, methodisch und organisatorisch durchgängig offen gearbeitet. Was bei mir fehlte, war die Selbstverwaltung/-regierung der Schüler (vgl. Bestimmungsraster des oU, unten bei soziale Offenheit).
Während der zweiten Klasse hatte ich manchmal das Gefühl, dass ich mich als Mensch zu wenig in das Klassengeschehen eingebunden sah. Auch ICH habe ja etwas anzubieten, Dinge, die mir wichtig sind, die auch mich begeistern, zum Beispiel der ganze mathematisch-naturwissenschaftliche Bereich etc.
Das bedeutet aber nicht, dass ich Unterrichtseinheiten durchführen würde oder Rahmenthemen hätte. Sehr vereinzelt gibt es die Rahmenthemen, wenn wir uns beispielsweise als Klasse inhaltlich auf die Waldjugendspiele vorbereiten. Aber ansonsten verzichte ich auf Rahmenthemen. Was ich unter „anbieten” meine, sind aktuell jetzt im 4. Schuljahr so Themen im kleinen Kreis, wie z.B. die schriftlichen Rechenverfahren, grammatikalische Übungen, Rechtschreib„dinge”, mathematische Sachthemen (Satz des Pythagoras, Thales etc. neulich angeboten von „unserem” FSJler), Stromangebote, Wasser etc.
Für das dritte Schuljahr nahm ich mir vor, mich wieder mehr einzubringen, noch mehr Inhalte anzubieten. Dann kamen im 3. Schuljahr aber leider auch die Klassenarbeiten hinzu, weshalb ich manche Inhalte verpflichtend für alle machen musste, z.B. Grammatik. Ein lästiges Thema, aber wir kommen um die immer noch zu vielen verpflichtenden Klassenarbeiten hier leider nicht drum herum. Als wenn ein Lehrer nicht auch so wüsste, „wo” ein Kind steht, wo Entwicklungspotenzial besteht. Aber wir brauchen die Noten, um besser ausselektieren zu können. Aber das ist ein anderes Thema…
Das Konzept Peschels ist in einer staatlichen Schule meiner Meinung und Erfahrung nach umsetzbar, wenn es dir gelingt, a) einen Weg zu finden, die verbindlichen Klassenarbeiten in Deutsch und Mathematik zu umgehen, b) eine sehr breite Elternschaft zu treffen, die dich in deiner Arbeit unterstützt und c) eine Schulleitung zu haben, die dir bei deiner Arbeit zumindest keine Steine in den Weg stellt. Peschel hat u.a. an der GS Harmonie gearbeitet. Da waren a) und c) bereits Realität. Bei b) stieß er auch auf Widerstände. Da er aber nur einer unter vielen LehrerInnen an der GS Harmonie war, die alle pädagogisch ähnlich dachten, konnte er mit den Widerständen natürlich viel besser umgehen, als wenn er alleine an einer Schule… Zu seiner Zeit also war b) noch nicht stimmig, da es damals noch die festen Schulbezirke gab, die in NRW heute aufgelöst sind. Heute aber ist auch b) in der GS Harmonie positiv. Es kommen nur noch die Eltern an die Schule, die den langfristigen Wert der Selbstverantwortung und Selbstständigkeit kennen, ihn selbst erfahren haben und auch für das Lernen zu schätzen wissen. Eltern, die damit nichts anfangen können, melden ihr Kind dort nicht an. Und das ist für alle Beteiligten, Eltern, Lehrer und Kind ja auch das Beste.
Zusammenfassend:
Was hält mich davon ab, mich gänzlich zurück zu ziehen und gar nicht mehr zu unterrichten? Ich, die Rahmenbedingungen und manche Eltern. Ich will nicht überwiegend nur teilnehmender Beobachter und „Moderator” sein, wie ich es bei Peschel herauslas, sondern mich auch mehr einbringen. Hierbei halte ich aber den Weg am sinnvollsten, Kindern etwas anzubieten: „Ich biete von 10.00 bis 10.30 Uhr einen Kreis zum Thema XYZ an. Wer möchte da mitmachen?” Zugegeben: Ich nenne auch regelmäßig noch Kinder, die ich in den Kreis dazu bitte. Möglich wäre auch: Einfach was an die Tafel, auf Papier etc. zeichnen, schreiben, malen… Es dauert nicht lange bis die ersten Kinder kommen und mitarbeiten werden!
Ich verzichte zwar auf Unterrichtseinheiten, aber ich verzichte nicht auf mich, wenn du so willst.
Vielleicht noch eines: Dass ich als Lehrer etwas anbiete, steht Peschels Modell im Grunde nicht entgegen. Ich habe damals aber für mich aus seiner Doktorarbeit herausgelesen, dass die Selbstregulierung der übergeordnete Prozess im Klassenraum sein solle, der durch den Lehrer im Hintergrund begleitet würde. Heute denke ich, habe ich es damals überinterpretiert. Auch wir Lehrer dürfen, können und sollen uns mit unserer Persönlichkeit und mit eigenen Inhalten ins Klassengeschehen einbringen.
Gruß
Marek